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Drachen-Queste (Teil 1)

Auszug aus Drachen-Queste – Die Prüfung des Feuerdrachenkriegers (Teil 1; Erstes Kapitel, S. 11-41)

Der Schattenmann

>>Unsere Wünsche sind Vorgefühle der Fähigkeiten, die in uns liegen, Vorboten desjenigen, was wir zu leisten imstande sein werden. Was wir können und möchten, stellt sich unserer Einbildungskraft außer uns und in der Zukunft dar; wir fühlen eine Sehnsucht nach dem, was wir schon im Stillen besitzen. So verwandelt ein leidenschaftliches Vorausgreifen das wahrhaft Mögliche in ein erträumtes Wirkliches<<

(Johann Wolfgang Goethe)

Die Sonne warf ihre letzten Strahlen über das Meer. Der Sand fühlte sich noch immer warm an, auch wenn es längst Anfang September war. Die See war ruhig. Ein lauer Wind wehte, ließ die Wellen gegen das Ufer kräuseln. Das sanfte Rauschen wirkte beruhigend und irgendwie erzählend. Tag für Tag konnte man lauschen. An der Küste zu leben bedeutete, den Geschichten des Meeres zuzuhören. Deshalb liebte es Tara, nach der Schule an den Strand zu fahren. Der Anblick des Meeres gab ihr ein Gefühl von Freiheit. So wie auch heute. Bis eben noch war sie mit ihrem Longboard auf den Fährwellen geritten. Nun saß Tara zusammen mit ihren Freunden am Strand. Die Mädchen lachten ausgelassen. Ihre Zähne blitzten in den gebräunten Gesichtern. So kurz vor Sonnenuntergang schimmerte die Sonne auf dem Meer wie flüssiges Gold.

>>Morgen soll es regnen. Wer hat Lust auf Kino nach der Schule?<<, fragte Tara und strich sich eine verirrte Strähne aus dem Gesicht. 

>>Ich muss lernen. Wir schreiben am Donnerstag eine Deutscharbeit.<< Kiran verdrehte die Augen und nahm einen Schluck von seiner Cola.

Lilly warf dem Jungen mit den strohblonden Haaren, die auf einer Seite immer ein bisschen länger waren, einen verträumten Blick zu. Tara musste sich ein Kichern verkneifen.

>>Was ist mit dir, Lilly<<, Josh, der den Blick ebenfalls mitbekommen hatte, stieß das Mädchen neben sich grinsend an.

>>Hallo … lass das!<< Missbilligend schüttelte sie ihren dunklen Lockenkopf und schnalzte ertappt mit der Zunge. >>Ich muss auch lernen<<, log sie.

>>Alter … da könnt ihr ja zusammen lernen.<< Josh stieß Kiran grinsend an. Der 16jährige aber tat gleichgültig. Seine verschmitzten Blicke galten Tara.

>>Ich muss zum Zahnarzt<<, entschuldigte sich Insa und lachte, um den anderen ihre Zahnspange zu zeigen. Ihr keckes Gesicht mit den Sommersprossen und der kleinen Stupsnase wirkte viel kindlicher, als die 15jährige mit dem roten Strubbelkopf war.

>>Ok … dann also morgen kein Kino.<< Tara schaute auf ihre Uhr. Obwohl das gar nicht nötig war. Die Sonne war fast untergegangen. Um diese Jahreszeit bedeutete das, dass es kurz vor acht Uhr war. >>Ich muss los. Meine Eltern sind unterwegs. Jussis Babysitter müsste schon da sein.<< Eigentlich war Jenny auch ihre Babysitterin. Aber das würde Tara niemals vor ihren Freunden zugeben. Natürlich nicht!

>>Ich bring dich nach Hause<<, rief Josh schneller, als Kiran lieb war. Keine Frage, die beiden Jungs standen auf sie.

Tara stand auf, klopfte sich den Sand von den Beinen und zog sich Jeans und Kapuzenshirt über ihren Bikini. Das lange Haar steckte sie zu einem Knoten im Nacken zusammen. Josh zog sich ebenfalls an. Gemeinsam brachten sie ihre Longboards zum Beachhouse, winkten den anderen zum Abschied zu und liefen zu ihren Rädern.

Das Strandhaus der Familie von Sengbusch lag abseits. Die beiden radelten auf einem schmalen Pfad durch einen Birkenwald. Der Geisterwald, so wurde er genannt, grenzte direkt an die Steilküste. Er machte seinem Namen alle Ehre. Denn nachts, wenn Mond und Sterne zwischen den Wolken hervorlugten, warfen die Birkenstämme gespenstige Schatten.

Das Strandhaus der Familie von Sengbusch lag abseits. Die beiden radelten auf einem schmalen Pfad durch einen Birkenwald. Der Geisterwald, so wurde er genannt, grenzte direkt an die Steilküste. Er machte seinem Namen alle Ehre. Denn nachts, wenn Mond und Sterne zwischen den Wolken hervorlugten, warfen die Birkenstämme gespenstige Schatten.

>>Wollen wir morgen zusammen ins Kino? <<, fragte Josh, als sie beim Haus angekommen waren.

>>Ja, warum nicht<<, Tara lächelte. Sie mochte Josh. >>Ich app dich morgen in der Schule an, ok? <<

>>Ok<<, erwiderte Josh und versuchte einen verstohlenen Blick auf ihre Lippen zu werfen.  

Tara tat, als merke sie es nicht, stieg vom Rad und öffnete das geschwungene Eisentor. >>Also dann … bis morgen. <<, verabschiedete sie sich winkend und schaute dem groß gewachsenen Jungen hinterher.

>>Bye<< Josh fuhr sich verlegen durchs Haar und radelte davon.

Der Kies unter ihren Füßen knarzte, als Tara ihr Rad zur Garage brachte und das Auto ihrer Eltern entdeckte.

Warum sind sie noch zuhause? Hat sich Jenny verspätet? Keine so gute Idee!

Ihr Stiefvater, Dr. Maximilian von Sengbusch, mochte Verspätungen nicht so gerne. Er war leitender Oberarzt in einem Hamburger Krankenhaus. Die norddeutsche Metropole lag zwei Stunden entfernt vom familiären Wohnsitz. Die lange Fahrt nahm er in Kauf, wenn auch nur zähneknirschend. Oft genug war die hin und her Fahrerei allerdings mit Stress verbunden. Das sah man ihm an. Dann nämlich zeigten sich Schatten um seine wachen Augen und er wirkte mürrisch. Typisch Erwachsene! Dabei war er für einen Stiefvater sonst eigentlich echt ganz ok. Ihr echter Dad hingegen war für Tara seit jeher ein Schattenmann – irgendwann mal da gewesen, aber nun nicht mehr greifbar.

>>Tara, bist du das?  <<, hallte die freundliche Stimme ihrer Mutter durch den Flur und riss sie aus sie aus ihren Gedanken.

>>Ja<<. Eilig durchquerte Tara einen langgestreckten Flur, der an eine Kunstgalerie erinnerte und betrat das stilvoll eingerichtete Wohnzimmer mit dem offenen Kamin. Durch eine riesige Glasfassade konnte man aufs Meer schauen.

>>Ah, da bist du ja<<, ihre Mutter, von großer schlanker Gestalt, trat aus dem Küchentrakt, der direkt ans Wohnzimmer grenzte.

>>Wolltet ihr nicht nach Hamburg? Wo ist Jenny? << Tara blickte sich suchend um und musterte die aristokratischen Gesichtszüge ihrer Mutter. Bevor ihre Mutter antworten konnte, schoss ein Kleinkind vergnügt um die Ecke.

>>Lala<<, rief es strahlend.

>>Jussi<<, Tara hob ihren Halbbruder hoch, dabei fiel ihr auf, dass ihre Mutter statt eines Abendkleides Leinenhose und Tunika trug. >>Wollt ihr gar nicht auf den Ball? <<, fragte sie daher einigermaßen irritiert.

>>Tara …<<, setzte ihre Mutter an und brach ein wenig unwirsch ab.

Was war das denn? So kannte sie ihre Mutter gar nicht. Innerlich verdrehte Tara ihre Augen. Erwachsene!

>>Ich bringe Jussi ins Bett. Setz dich doch zu Max an den Tisch. Ich bin gleich bei euch. <<

>>Ok<<, Tara zuckte mit den Achseln, gab Jussi noch einen Gute-Nacht-Kuss und ging am Küchenblock vorbei zum Essbereich. Ein paar Kerzen warfen sanftes Licht. Durch ein geöffnetes Fenster drang das Rauschen der Brandung.  

>>Hi Tara<<, grüßte ihr Stiefvater, der lässig in Jeanshemd und Leinenhose bekleidet vor einem Glas Wein an der Holztafel saß. Tara gesellte sich zu ihm.

>>Möchtest du ein Glas Cola? <<. Wie immer, ohne wirklich eine Antwort abzuwarten, stand Max auf und ging um den Küchenblock herum zu einer Glasvitrine.

Tara verfolgte seine Bewegungen. Trotz seiner Größe bewegte er sich geschmeidig durch den Raum. >>Ist der Ball abgesagt worden? <<

>>Nein … nicht direkt<<, entgegnete Max, für Taras Geschmack etwas zu gedehnt. Achselzuckend drehte er sich mit dem Glas in der Hand zu ihr um. Tara bemerkte, dass er angespannt wirkte. Sein schmales Gesicht mit dem markanten Kinn aber strahlte.

>>Jussi ist sofort eingeschlafen<<. Ihre Mutter betrat barfuß den großen Wohntrakt, trat an den Tisch und nahm sich einen Schluck Wein.

Nun gesellte sich auch Max wieder zu ihnen.

Was sollte das alles? Was hatte das zu bedeuten? Tara schaute abwechselnd von Max zu ihrer Mutter.

>>Du fragst dich bestimmt, warum wir noch zuhause sind<<, bemerkte ihre Mutter. Max räusperte sich vernehmlich. Irgendwie schien ihm das Gespräch ein wenig unangenehm zu sein.

>>Mmmh … ja<<, nuschelte Tara in das Glas Cola hinein.

Ihre Mutter schlug ihre schlanken Beine übereinander und blickte sie direkt an. >>Es gibt Neuigkeiten, die wir gern mit dir besprechen möchten<<, sagte sie in dem für sie gewohnt laissez-fairen Tonfall.

>>Ok … und das wäre? << Tara wurde etwas mulmig zumute. Irgendwas ging da vor sich. Ihre Mutter wirkte angespannt. Und das war gar nicht gut.

>>Max wurde eine Professur angeboten, die er annehmen wird<<, erklärte ihre Mutter sachlich.

>>Hej … das ist doch super<<, Tara zuckte mit den Achseln und lächelte Max zu, verstand aber nicht ganz, was das nun mit ihr zu tun hatte. >>Und? <<

>>Nun …<<, ihre Mutter geriet ins Stocken.

>>Die Stelle ist in Vancouver<<, ergänzte Max ganz direkt.

>>Toll! <<, erwiderte Tara begriffsstutzig.

>>Tara, das bedeutet, dass wir, Max, ich, Jussi und du, zusammen nach Kanada ziehen werden! <<

Wie ein verirrter Frisbee knallte der Satz gegen ihre Stirn. Es war, als würde sich eine Faust in ihren Magen bohren und zugleich der Boden unter ihren Füßen auftun. Sie stürzte hinab und fiel in ein Loch, als die Erkenntnis sie traf. >>W-wir … ziehen um? Weg? Aber wieso? <<, sprach sie hilflos und viel lauter als beabsichtigt. Ihre Stimme verklang schrill im Raum.

>>Weil es eine einmalige Chance ist – für mich und deine Mutter. Wir können gemeinsam in ein und demselben Krankenhaus arbeiten und ich muss nicht mehr stundenlang durch die Gegend fahren<<.

>>A-aber … was hat das alles mit mir zu tun? Warum muss ich mit euch kommen? Ich will hierbleiben. Hier<<, stotterte Tara hilfesuchend. Wirr fuchtelte sie mit der Hand umher. >>Mein Leben hier ist voll ok. Ich will nicht weg. Versteht das doch! Ich will hierbleiben. Hier bei meinen Freunden. Hier … am Meer. Was wird denn aus meinen Freunden? Und überhaupt …<<. Was wird aus mir, dachte sie verzweifelt und drängte ihre Tränen zurück. >>Ihr könnt mich nicht dazu zwingen<<, flüsterte sie kopfschüttelnd.

>>Tara, beruhige dich doch. Du wirst neue Freunde finden. In deinem Alter ist das doch überhaupt kein Problem. Sei doch bitte nicht so egoistisch<<, entgegnete ihre Mutter ziemlich sachlich. 

Was ist das denn für eine blöde, typisch erwachsene Aussage, dachte Tara frustriert! Wie konnten sie bloß so gnadenlos sein? Lilly und Insa kannte Tara schließlich schon seit Kindertagen. Sie waren zusammen aufgewachsen. Best friends forever hatten sie sich geschworen. Die beiden waren wie Schwestern für sie. Was sollte daraus werden? Und was aus Josh und Kiran? Tara schluckte und ballte ihre Hände zu Fäusten. Wütender Trotz stieg in ihr auf. Das war nicht fair. >>Warum werde ich vor vollendete Tatsachen gestellt? Warum werde ich nicht gefragt? Warum entscheidet ihr darüber, was gut für mich ist und was nicht? Was soll ich verdammt noch mal in Vancouver? <<

>>Tara … <<, ihre Mutter versuchte ihr beruhigend die Hand auf den Arm zu legen. Tara zog sich unwirsch zurück. >>Noch ist Jussi jung genug und du alt genug. Außerdem wäre der Schulwechsel zum Halbjahr perfekt. Es ist eine wundervolle Möglichkeit. Für jeden von uns. Auch für dich. Sieh das doch ein, Tara<<

Schulwechsel … zum Halbjahr … echote es in Tara. Das ist doch schon in drei Monaten … Nein, das sehe ich nicht ein, dachte sie trotzig. Plötzlich hieb sie ungestüm mit der Faust auf den Holzstich und schrie: >>Nein. Ich werde nicht mit euch kommen. Nie und nimmer. Ihr könnt mich nicht zwingen<<. Erbost sprang sie auf, rannte durch den Wohnbereich zur Wendeltreppe und hinauf über die Galerie zu ihrem Dachgeschosszimmer.

>>Tara<<, rief ihr die Mutter hinterher. Doch Tara wollte einfach nichts mehr davon hören.

*

Gedankenversunken saß Tara in einem Hängestuhl auf ihrer kleinen Dachterrasse, den Blick ins Leere gerichtet. Die nackten Füße baumelten frei. Zwischen den Sternen ragte die Sichel des Mondes hell hervor. In der Bucht war die Brandung zu hören, sonst war es still. Niemand war ihr nach oben gefolgt. Es war wie ein stillschweigendes Abkommen zwischen ihr und den Eltern. Auf die Frage nach dem Warum, fand Tara jedoch keine Antwort. Etwas verstellte ihr die Sicht. Bloß was? Mit den Flügeln der Zeit fliegt die Traurigkeit davon, hatte ihre Großmutter immer gesagt.

Ja … vielleicht, dachte Tara und glaubte doch nicht recht daran.

Traurig schloss Tara die Augen. Das sanfte Brausen der Brandung lullte sie ein. Nicht lange, schon war sie ins Traumgespinst der Nacht verwickelt, als plötzlichaus der Ferne das beständige Schlagen einer Trommel zu ihr drang. Kam das vom Strand? Tara lauschte.

Bumm wumm wumm. Bumm wumm wumm.

Der gleichmäßige Klang schien sie zu rufen. Ihr Herz fiel in den Takt mit ein.

Bumm wumm wumm.

Erschrocken schaute Tara auf. Das Meer, es war verschwunden. Tara fand sich in einem Wald wieder. Der Himmel aschgrau und wolkenverhangen. Ein Rabe kreiste über ihr. Was sollte das? Auch das Schlagen der Trommel nahm zu, wurde ekstatischer. 

Bumm wumm wumm. Bumm wumm wumm.

Taras Füße schienen über den Waldboden zu fliegen, dem Schlagen der Trommel entgegen. Der Rabe folgte ihr. Etwas zog sie magisch an. Der Ruf des Raben war zu hören. Oder was war das? Tara schaute nach oben. Der Rabe war verschwunden. Plötzlich blieb sie wie angewurzelt stehen. Vor ihr tauchte ein Mann aus dem Nebel auf. Er schlug die Trommel. Tara ging auf ihn zu. Er saß mit dem Rücken zu ihr. Langes Haar fiel ihm wie das Federkleid eines Raben über die Schulter. Eine Feder steckte darin. Plötzlich hörte das Trommeln auf. Der Mann drehte sich um und wies mit ausgestreckten Finger auf ein Tor. Seine durchdringenden Augen durchbohrten sie. Tara hielt die Luft an. Was sie sah gefiel ihr gar nicht. Da drang ein Rufen aus dem Tor. Vielmehr war es ein Mark erschütterndes Brüllen. Tara erschrak und riss die Augen auf. Ihr Herz raste wie ein Schnellzug.

>>Was war das denn für ein schräger Traum<<, sagte sie, um sich selbst zu vergewissern, dass sie nun wieder ganz wach war. Etwas beklommen stand sie auf, schlüpfte ins Bett und zog sich die Decke fest um den Körper. Der bohrende Blick des Mannes aber wollte sie einfach nicht loslassen. Angespannt fiel Tara in einen unruhigen Schlaf. Wer war der schattenhafte Mann, dessen durchdringender Blick sie bis in einen Traum hinein verfolgte?


Am nächsten Morgen erwachte Tara vor dem Wecker. Draußen dämmerte die Nacht dem Tag entgegen. Ein feiner Nebel lag in der feucht-salzigen Meeresluft. Tara lauschte mit geschlossenen Augen den vertrauten Geräuschen im Haus. Max war gerade dabei, nach Hamburg zu fahren. Tara hörte seine Schritte, das Knarren der Garagentür und den bekannten Motorenlärm des Geländewagens. Nicht mehr lange, dann würde auch ihre Mutter zur Arbeit fahren und Jussi zum Hort bringen. Bald würde sie allein zuhause sein. Endlich. Wie jeden Morgen würden Toastbrot und Orangensaft auf sie warten. Doch heute umsonst. Tara würde heute nicht zur Schule fahren. Und niemand würde es merken, wenn alle aus dem Haus waren.

Endlich hallten auch die Schritte ihrer Mutter durch den Flur. Tara hörte Jussis Brabbeln und ihre Mutter, die mit ihm sprach. Tara hielt die Luft an. Bitte, komm bloß nicht auf die Idee …, dachte sie. Eltern waren nun mal so! Eine gefühlte Ewigkeit verging. Da fiel die Garagentür zu. Es folgte das Öffnen und Schließen der Autotür und schließlich das Motorengeräusch des Cabrios, das gemächlich über den Kiesweg knirschte. Tara atmete erleichtert auf. Endlich allein.

Schon möglich, dass ihre Mutter ahnte, dass ihre Tochter an diesem Tag nicht zur Schule fahren würde. Und ebenso war es möglich, dass sie deshalb unschlüssig im Flur gestanden hatte, weil auch sie nicht so glücklich über den Umzug war. Jedoch aus ganz anderen Gründen.

*

Tara blieb liegen. Der Vormittag verstrich. Erst gegen Mittag zog sie sich Jeans und T-Shirt an und lief zu der kleinen Bucht, die zum Haus gehörte. Der Traum vom Vorabend wollte sie einfach nicht loslassen. Wieder und wieder tauchten die Augen des Mannes auf. Der Blick … Die seltsamen Trommeln … Einfach alles. Es hatte sich so real angefühlt.

Warum erscheint mir ein Mann in einem Traum, der ganz offensichtlich ein Indianer war?

Ein knackendes Geräusch ließ sie zusammenzucken.

>>Hallo? << Ihre Eltern waren im Krankenhaus. Niemand sonst konnte hinter das Haus gelangen. Außer … Erschrocken drehte sich Tara um. Irgendjemand war da doch! Sie konnte die Steinstufen nicht sehen, die zum Haus führten. Vorsichtig stand Tara auf, lugte um die Ecke, als ein großgewachsener Eindringling mit keck grinsenden Augen vor sie sprang.

>>Josh! Man! Du hast mir vielleicht einen Schrecken eingejagt! Was machst du hier? << Erschrocken und erleichtert zugleich, dass es Josh war, boxte sie ihm gegen die Brust.

Josh grinste einigermaßen verlegen, als er Taras Gesichtsausdruck sah. >>Wow …! Du siehst aus, hättest du einen Geist gesehen.<<

>>Ha ha<<, blaffte sie, vermied es aber, ihn weiter anzusehen.

>>Sorry, das wollte ich nicht<<, Joah hob abwehrend die Hände. >>Ich wollte bloß nach dir sehen. Du warst nicht in der Schule. Und auf meine Nachrichten hast du nicht reagiert. Also dachte ich mir, das vielleicht was mit dir ist<<.

>>Wir ziehen nach Vancouver<<, platzte es direkt aus Tara heraus.

Joshs Gesichtsausdruck wechselte zwischen Entsetzen, Erstaunen und Freude. >>Wow! Das sind mal Neuigkeiten<<, erwiderte er nicht ungerührt. >>Ich meine …! Hej, das ist doch der Hammer, oder was!<<

>>Wie kannst du das sagen, Josh? Ich muss das hier alles aufgeben. Den Strand … Das Meer … Und meine Freunde!<<, entgegnete Tara.

Josh dachte einen Augenblick nach, bevor er antwortete. >>Aber das ist doch eine irre coole Chance. Ich meine … KANADA! Du wirst in Kanada leben. Vancouver ist eine übelst coole Stadt. Mensch Tara, das ist ja sowas von cool! <<

Tara starrte ihn entgeistert an. Ja verstand er denn gar nicht, wie es ihr damit ging? >>Typisch für dich, dass du so denkst, Josh. Aber es ist dein Traum, in der elf ins Ausland zu gehen, nicht meiner<<. Josh wollte immer schon die große weite Welt bereisen. Davon sprach er ständig. Halt das coole Leben! Und seine Eltern, zwei weltoffene Künstler, bestärkten ihn, seine Träume zu leben.

>>Aber Tara, irgendwann gehen wir doch alle. Kiran, Insa und Lilly werden auch nicht bleiben. Das weißt du doch.<<

Tara wollte etwas entgegnen, öffnete den Mund und schloss ihn schließlich wieder. Josh hatte ja leider so Recht. Für die meisten von ihnen war es selbstverständlich.

Alle träumen davon, irgendwohin zu gehen. Und ich, dachte Tara zerknirscht, wovon träume ich eigentlich?

Darüber hatte sie nie wirklich nachgedacht. Immer dann, wenn sie es versucht hatte, war eine Wand aufgetaucht. Eine undurchdringliche Wand.

>>Was immer du dir vorstellst, das kannst du auch sein, ist nicht einfach nur so ein blöder Spruch. Hast du echt noch nie darüber nachgedacht, wer du bist und wer oder was du nach der Schule sein willst, Tara?<< Josh schaute sie eindringlich an.

Tara musste schlucken.

Eine Weile saßen sie schweigend am Ufer der kleinen Bucht. Der seltsame Traum vom Vorabend war für einen kurzen Moment in die Ferne gerückt. Die Frage danach, wer sie war und sein wollte, beschäftige Tara. Es war nun nicht gerade ihr Traum, nach Vancouver zu ziehen.

>>Vielleicht ist es gar kein Zufall, dass du gerade jetzt nach Kanada gehst. Ich meine … Du bist doch dort geboren, oder? Es hat doch eine Bedeutung, wo man geboren ist. Willst du denn gar nichts über deine Wurzeln wissen? <<, durchbrach Josh das Schweigen, ganz so, als habe er ihre Gedanken gehört.

>>Josh … Ich …<<, weiter kam sie nicht, da Josh ihr plötzlich tief in die Augen blickte.

Oh Gott, nein, dachte sie. Bitte nicht. Doch es war zu spät. Noch bevor sie reagieren konnte, legte Josh die Arme um sie. Ebenso behutsam suchten seine Lippen die ihren. Seine Zunge fühlte sich rau, seine Lippen und ihre Knie hingegen total weich an. Ihr Herz schlug bis zum Hals. Nicht jetzt, bitte nicht ausgerechnet jetzt, dachte sie und zuckte unwirsch zurück. Das Gefühl, die Stimmung alles war augenblicklich verflogen. >>Josh … Nicht …<<, setzte Tara an. Aber der Satz wollte nicht zu Ende gesagt werden. Was hätte sie auch sagen sollen? Nicht jetzt, wo ich nach Vancouver ziehe? Nicht jetzt, wo ich so gar nicht weiß, wer ich bin. Es nicht weiß, weil ich die Gedanken daran verdrängt habe? Nicht jetzt, weil ich einfach nicht weiterweiß? Oder gar nicht will? So blieb sie eine Erklärung schuldig.

>>Ist Ok<<, brachte Josh mit belegter Stimme hervor, zuckte cool mit den Achseln und tat so, als wäre nichts gewesen.

Er tat zwar, als würde es ihm nichts ausmachen. Doch in den Augen des 16jährigen sah man, dass er verletzt von der Abfuhr war. Josh ging auf Distanz. Tara ebenso.

>>Vielleicht sollten wir es für heute gut sein lassen.<<

>>Ja vielleicht<<, erwiderte er knapp.>>Ich werde‘ mal lieber gehen, hm.<<

Tara nickte und hatte ein schlechtes Gewissen, als sich Josh verabschiedete. Lange noch schaute sie ihm nach. Sah zu, wie er zwei der steinigen Stufen auf einmal nahm, sich aber nicht mehr zu ihr umdrehte. Tara schaute selbst da noch immer hinterher, als Josh längst über die Kiesauffahrt verschwunden war. Was hatte sie da bloß angerichtet?


Die wenigen Wochen, die noch bis zur Abreise verblieben, vergingen wie im Flug. Es gab wenig Zeit, über das, was zwischen ihr und Josh geschehen war, nachzudenken. Sie sahen sich in der Schule, mieden es aber, sich allzu oft zu begegnen. In der Gruppe taten beide, als wäre nichts geschehen. Aber Tara spürte Joshs Blicke, selbst dann, wenn er nicht in ihrer Nähe war. Auch der seltsame Traum und die ganzen Fragen, die Josh aufgeworfen hatte, waren ins Hintertreffen geraten. Vielleicht wäre es auch so geblieben. Schließlich hatte Tara den Umzug nach Vancouver als notwendiges Übel akzeptiert. Mit ihren Eltern sprach sie darüber nicht. Aber sie spürte sehr wohl, dass ihre Mutter sie aufmerksam beäugte. So ganz erklären konnte sich Tara aber das merkwürdige Verhalten ihrer Mutter nicht. Mittlerweile stand auch das Strandhaus zum Verkauf. Während man Max die Freude ansah, wurde ihre Mutter zunehmend stiller. Warum, das blieb ein Rätsel, bis kurz vor Weihnachten etwas Seltsames geschah. Gerade wollte Tara eine Kiste mit aussortierten Dingen in den Keller bringen, als sie stolperte und fiel.

>>Shit<<, fluchte sie vernehmlich. Niemand hörte sie. Ihre Eltern waren unterwegs. Ein wenig mürrisch sammelte Tara die Gegenstände ein und warf sie achtlos zurück in die Kiste. Plötzlich fiel etwas aus einem Buch heraus. Ein weißer Umschlag landete direkt zu ihren Füßen. Ein bisschen wie zufällig dahingelegt – würde es Zufälle geben!

>>Was ist das denn? << Tara hob den Umschlag auf und befühlte ihn. Ein Brief, dachte sie erstaunt. Neugierig geworden, öffnete sie den Umschlag und zog ein gefaltetes Blatt Papier heraus. Es war ein von Hand geschriebener Brief. Tara stockte der Atem, als sie ihren Namen am Briefanfang und den des Verfassers unterhalb der letzten Zeile las.

>>Oh mein Gott, das kann nicht sein! Das gibt’s doch nicht! <<, flüsterte sie entsetzt. Ihre Hände zitterten, ihr Herz hämmerte, als sie zu lesen begann.

Tara Luna, ich nenne dich so, obwohl ich nicht weiß, ob du auch wirklich noch so heißt, wenn du diesen Brief liest. Denn sollte es so sein, wird es mich nicht mehr in deinem Leben geben. Das heißt, du bist ohne mich aufgewachsen. Und ich werde nicht wissen, wie es dir in den vergangenen Jahren ergangen ist. Du bist gewiss ein hübsches junges Mädchen geworden. Genau wie deine Mutter, die ich ebenso wie dich über alles liebe. Selbst über den Tod hinaus. Sollte dies der Fall sein, glaube mir, gibt es Gründe. Gute Gründe, die ich dir leider nicht erzählen darf. Nicht jetzt. Chenoa wird das für mich tun. Von ihr wirst du alles über mich erfahren. Eines aber sei bereits jetzt gesagt, wir, die Haida sind ein stolzer, ein mutiger Stamm. Wir kämpfen für unsere Rechte. Vergib mir also, dass ich mein Volk über die Liebe zu dir und deiner Mutter gestellt habe. Aber am Ende habe ich einzig für euch gekämpft. Und doch alles verloren, was mir lieb und teuer war. Sei umarmt, meine kleine Luna, In Liebe Dad

Wieder und wieder las Tara die handgeschriebenen Zeilen, die eindeutig von ihrem Vater stammten. Jenem Mann, an den sie so gar keine Erinnerungen hatte. Ihre Augen brannten. Beim Lesen war ihr, als würde er neben ihr sitzen, sie ansehen und ihr beim Lesen zusehen. Ihr war, als habe sie seine Stimme gehört. Das war so unglaublich. War das wirklich ein Brief von dem Schattenmann, ihrem Vater? Unzählige Fragen drängten sich ans Licht.

Luna …! Wieso Luna, fragte sie sich? Warum wusste ich nichts davon? Und wer ist Chenoa? Sie kannte niemanden mit einem so eigentümlichen Namen. Und welche mysteriösen Umstände haben zum Tod meines Vaters geführt? Das alles war mehr als seltsam. Warum hat mir meine Mutter nie etwas über ihn erzählt? Und warum hat sie mir verschwiegen, dass ich Luna heiße? Ratlos drehte und wendete Tara den Brief in ihren Händen. Als sie ihn zurück in das Kuvert stecken wollte, fiel noch etwas heraus. Abermals stockte Tara der Atem. In ihren Händen hielt sie eine Fotografie. Ein junger Mann mit langem schwarzem Haar war darauf zu erkennen. Eine Rabenfeder lugte daraus hervor. Er lachte, selbst aus den Augen heraus. In den Armen hielt er ein Kleinkind, ein Mädchen. Es lachte genau wie der Mann. Instinktiv wusste Tara, dass sie das Kleinkind war, das da in den Armen ihres Vaters lachte. Etwas abseits, im Hintergrund, war eine junge Frau mit langem blondem Haar zu sehen. Sie lachte ebenfalls.

Mama …? dachte Tara, als sie ihre Mutter auf dem Bild erkannte.

So ganz anders als heute. Strahlender, ein paar Strähnen ihres langen Haares waren zu dünnen Zöpfen geflochten. Auch sie hatte eine Rabenfeder im Haar stecken. Lange Ketten, die sie über einem Top trug und eine Jeanshose mit Schlag.

Warum sieht sie aus wie ein Hippie, überlegte Tara und erkannte ihren Fehler, als sie sich den Mann noch einmal genauer anschaute. Trotz seiner Jugendlichkeit, er konnte wohl kaum viel älter als Mitte 20 sein, so schätzte sie, hatte er markante Züge und dunkle Mandelaugen.

Er ist ein… Indianer! Mein Vater war ein Indianer!

Taras Kopf fuhr Achterbahn. Kein klarer Gedanke war denkbar. In ihrem Kopf dröhnte es, die Kopfhaut vibrierte. Ihr wurde es schwindelig. Um Tara herum begann sich alles zu drehen. Sie drohte abermals den Boden unter den Füßen zu verlieren. Alles was sie kannte, war ihr plötzlich fremd. Es schien nichts zu geben, dass sie halten konnte. Benommen stand Tara auf und fand Halt am Geländer der Galerie. Der Schwindel ebbte langsam ab, ihre Gedanken kreisten jedoch weiter. Endlich bekam sie einen zu greifen und die Erkenntnis durchdrang sie tief, bis ins Innere hinein.

>>Das bedeutet ja … Ich bin auch eine Indianerin!<<, sagte sie laut und gedehnt vor sich hin, als müsse sie es sich selbst erzählen. Denn mit dieser Erkenntnis änderte sich alles. Und die Fragen danach, wer sie war und sein wollte, wurden dringlicher denn je.

Vielleicht wäre es einfacher gewesen, ihr Vater wäre auch weiterhin ein Schatten in ihrem Leben geblieben. Jedoch war längst ein Stein ins Rollen gekommen. Einer, der Geheimnisse aufriss, die sich Stück für Stück ans Tageslicht drängten. Das war unabänderlich. Es gehörte zum Rad der Zeit, das sich unablässig drehte.

*

Nach einer Weile hatte sich Tara gefasst. Zum Glück waren die Eltern noch unterwegs. Wie automatisiert ging sie in Max‘ Büro und schaltete den PC an. Schnell waren die fünf Buchstaben in die Suchmaske eingegeben: Haida.

Gerade mal zwei Flugstunden von Vancouvers Innenstadt entfernt lebten die Haida, wie Tara bei wikipedia erfuhr. Haida Gwaii hieß die Inselgruppe vor der Küste von British Columbia. Ihren Namen verdankte sie den Haida, jenem Indianerstamm, der dort lebte. Die Haida, so hieß es weiter, seien für ihre Schnitzkunst und das Anfertigen von Skulpturen und Schmuckstücken bekannt. Aber auch für ihre Legenden, die nur mündlich überliefert und nur selten aufgeschrieben wurden. Jede Geschichte wurde traditionell nur ein einziges Mal erzählt. Taras Pupillen rasten über die einzelnen Seiten. Jedes Wort sog sie in sich auf und erfuhr, dass die Haida daran glaubten, dass Raben die Welt erschaffen hätten. Raben … Ein Schauer rieselte ihr den Rücken hinab und sorgte für eine Gänsehaut auf ihren Armen. Raben … War da nicht ein Rabe in ihren Traum gewesen? Und eine Rabenfeder in den Haaren des Mannes … und ihres Vaters? Was hatte es damit auf sich?

Tara gab Legenden der Haida in die Suchmaske. Die Suche war jedoch wenig ergiebig. Keine Geschichten, dafür Berichte über die aktuelle Situation der First Nations. Legenden, Traditionen und Rituale der nordamerikanischen Ureinwohner seien besonders in den letzten 100 Jahren mehr und mehr verloren gegangen – Schuld daran waren importierter Alkohol und Krankheiten. Sie las darüber, dass es in den 1990er Jahren Kämpfe um den Regenwald auf der Inselgruppe Haida Quai gegeben hatte, die von Investoren abgeholzt werden sollten. Der Kampf hielt nach wie vor an.

Tara sank noch tiefer in den Bürostuhl.

Ist das etwa der Kampf, von dem mein Vater geschrieben hat, fragte sie sich und scrollte weiter, um eine Antwort zu finden. Fand aber keine. Es gab keine Artikel darüber. Nicht einen einzigen. Was um alles in der Welt hat das nur zu bedeuten, überlegte sie und zuckte unwirsch zusammen, als sie Motorengeräusche in der Einfahrt hörte. In Windeseile fuhr sie den Rechner herunter und eilte in den Flur. Dort sammelte Tara schnell die restlichen Gegenstände ein, die noch verstreut auf dem Boden lagen. Das Buch, in dem der Brief gesteckt hatte aber nahm sie mit in ihr Zimmer. Aus irgendeinem Grund wollte sie es nicht weggeben. Die Eltern betraten das Haus, während Tara gerade die Kiste in den Keller bringen wollte.

>>Hi<<, grüßte sie im Vorbeigehen, als sei nichts gewesen.

Jussi und Max grüßten zurück. Ihre Mutter aber warf einen seltsamen Blick auf die Kiste, der Tara nicht entging. Auch sie warf ihrer Mutter einen Blick zu. Sie wurde das Bild in ihrem Kopf nicht los. Jenes, das ihre Mutter vor so vielen Jahren zeigte. Jenes, auf dem auch ihr Vater zu sehen war. Das einzige, das sie von ihm hatte.

Auch ihre Mutter bemerkte ihrerseits den seltsamen Blick ihrer Tochter. Beide aber schwiegen.


Das Buch und der Brief blieben zusammen mit dem Bild sicher verwahrt, während Weihnachten und Silvester vergingen. Je näher die Abreise kam, desto aufgeregter wurde es um Tara herum. Die Gedanken an den herannahenden Abschied nahmen sie voll und ganz in Anspruch. So fand sie nicht mehr die nötige Ruhe, um noch einmal nach den Haida zu recherchieren. Auch verloren sich die Gedanken über ihren Vater in einer betriebsamen Abschiedsstimmung, die sie mehr und mehr zu beherrschen schien. Überhaupt wechselte in der Zwischenzeit die Stimmung im elterlichen Haus beinah täglich. Sie schwankte zwischen Spannung, Starre und Verwirrung hin und her. Die stilvolle Atmosphäre von einst wich einer unsteten Betriebsamkeit. Und einer unerklärlichen Anspannung, die, wie Tara bemerkte, von ihrer Mutter ausging, je näher die Abreise kam. Darauf konnte sie sich keinen Reim machen. Schließlich war sie es doch gewesen, die unbedingt mit Max nach Vancouver ziehen wollte. Oder etwa doch nicht? Tara blieb das Verhalten ihrer Mutter ein Rätsel. Max hingegen schien von all den Veränderungen nichts mitzukriegen. Im Gegensatz zu ihrer Mutter wirkte er von Tag zu Tag entspannter, gelassener. Die Vorfreude stand ihm buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Auch Jussi lachte und spielte vergnügt zwischen den Umzugskisten, die überall im Haus verteilt waren.

Und dann endlich, nach einer ebenso schönen wie tränenreichen Abschiedsparty – ihre Freunde hatten für alles gesorgt – sollte der Tag kommen, an dem die Familie von Sengbusch das Strandhaus verließ, um in ein fremdes Land aufzubrechen. Der Flug mit Zwischenlandung in London ging in den Morgenstunden an einem Sonntag Ende Januar. Verschlafen zog sich Tara Jeans und Pulli an und verließ ihr leer geräumtes Zimmer. Bei sich trug sie ihren Rucksack mit dem Buch, dem Brief und dem Foto. Ein Umzugsunternehmen würde die Möbel holen. Alles war organisiert. Natürlich! Gähnend und ein bisschen melancholisch nahm Tara die Treppe, die in den Wohnbereich führte, als es in aller Frühe an der Tür läutete.

Um diese Zeit …! Wer kann das sein, überlegte Tara, schluffte zur Haustür und öffnete sie. >>Josh … Was machst du denn so früh hier?<< Erstaunt blickte sie den Jungen an, der in Jeans, Boots und zugeknöpftem Mantel vor ihr stand. Und einem traurigen Ausdruck in den Augen.

>>Ich …<<, setzte er an und räusperte sich verlegen. Seine Stimme klang rau, als er weitersprach. >> Ich wollte dir das hier<<, Taras Blick folgte seiner Geste, >> geben<<. In seiner Hand hielt er ein kleines Päckchen.

Tara wollte etwas sagen.

>>Nimm es einfach, ok<<

Sie nickte stumm.

>>Du wirst mir fehlen<<, sagte er fast tonlos und mit belegter Stimme.

>>Du mir auch<<, entgegnete Tara ebenso tonlos.

Dann endlich fielen sie sich in die Arme. Eine gefühlte kleine Ewigkeit standen sie so in der Haustür, bis Taras Mutter nach ihr rief. Keiner der beiden sagte noch etwas. Josh drehte sich einfach wortlos um und ging. Ging ein letztes Mal über den Kiesweg, der wie gewohnt unter seinen Schritten knarzte. Und Tara wusste, niemals würde sie den Anblick des Jungen vergessen, der mit Tränen in den Augen und um aufrechte Haltung bemüht auf sein Fahrrad stieg und alleine den Weg durch den Geisterwald zur Schule fuhr. Ihr Magen krampfte sich zusammen. Mit einer Hand wischte sie sich die Tränen fort, in der anderen hielt sie das kleine Päckchen fest an sich gedrückt.

>>Tara, nun komm endlich. Wir müssen los. Das Flugzeug wartet nicht und wir müssen noch zum Flughafen fahren<<, rief die Mutter aus der Garage.

>>Ja, ich komme<<, rief sie genervt zurück, löste sich aus ihrer Starre und tappte zum Auto.

Nun fuhr auch der Geländewagen ein letztes Mal über die Kieseinfahrt. Schon möglich, dass Josh in einiger Entfernung am Straßenrand stand und in der Morgendämmerung dem Mädchen im Auto hinterher sah, das er so sehr ins Herz geschlossen hatte.

Eine Weile blickte Tara ins Leere, die Stirn an die Autoscheibe gelehnt. Gefühlt saß sie tiefer im Satz eingesunken als sonst. Eingehüllt in ihren Lieblingsmantel, der ihr bis zu den Waden ging. Jussi, der neben ihr saß, war eingeschlafen. Ihre Mutter und Max unterhielten sich leise. Draußen dämmerte es. Das Licht schwankte noch zwischen hell und dunkel unentschieden hin und her. Ein feiner Nebelstreich lag über der vorbeifliegenden Landschaft, die trotz der Jahreszeit gar nicht winterlich war. Bloß nass. Ganz so, als würde auch der Himmel mit ihr trauern. Als Max auf die Autobahn Richtung Flughafen auffuhr, öffnete Tara ihre Hand, in der sie noch immer das Päckchen fest umklammert hielt. Sie öffnete es ganz leise. Sollten die Eltern dennoch etwas davon mitbekommen haben, ließen sie es sich nicht anmerken. Taras Herz jedenfalls hämmerte gegen die Brust, als sie den filigranen Feder-Anhänger mit dem feinen Lederband in der Hand hielt und immer wieder die einzelne Zeile las, die Josh auf einem Papierschnipsel geschrieben hatte:

Ich werde dich niemals vergessen. Josh


Der Flieger hob pünktlich ab. Während die Erde unter Tara kleiner und kleiner wurde, schien auch ihr altes Leben in eine immer weitere Ferne zu rücken. Dazwischen würde bald nicht nur eine andere Zeitzone liegen, sondern auch ein gewaltig großer Ozean.

In London gab es ein paar Probleme mit der Sitzverteilung, sodass Tara ohne ihre Familie in der hinteren Reihe landete – zwischen einem Anzugträger, der konzentriert und energisch auf sein Laptop einhakte und einer Matrone, die sich nervös einen Cookie nach dem anderen reinschaufelte.

Um einem ungewollten Redefluss zu entgegen, schaute sich Tara „Spider Man“ an und begann schließlich gelangweilt in dem ominösen Buch zu blättern. Nun, da ihre Eltern nicht in der Nähe waren und sie genügend Zeit hatte, vertiefte sie sich alsbald in die Geschichte über einen Feuerdrachen und einen Krieger. Schlussendlich verlor sie sich voll und ganz zwischen den Zeilen der Buchseiten; ganz so als wäre sie selbst Teil der Geschichte. Tief ins Buch versunken, hatten Raum und Zeit auf einmal gar keine Bedeutung mehr – sie verging buchstäblich wie im Fluge. So hätte es weitergehen können. Hätte! Wäre die Geschichte nicht ebenso abrupt zu Ende gewesen, wie sie begonnen hatte. Hineingeworfen in eine fremde Welt, stand Tara urplötzlich vor einem ungelösten Rätsel. Wem oder was hatte der Ruf des Feuerdrachens gegolten – so jedenfalls lautete der letzte Satz auf der vorletzten Seite. Eine Frage, die offenblieb!

Nein! Ernsthaft? Was soll das denn bitte, dachte sie verärgert. Echt jetzt, oder was?! Die Geschichte kann doch nicht einfach so aufhören! Wie geht das denn jetzt weiter?

Sie wollte noch nicht wieder aus der Geschichte heraus und zurück in ihre Realität kehren. Ratlos drehte und wendete Tara das Buch mit dem geheimnisvollen Cover in ihren Händen. Doch so oft Tara es auch noch Drehen und Wenden mochte, des Rätsels Lösung war nirgends zu finden. Das in altem, grobem Leder gebundene Buch blieb den Fortgang der Geschichte schuldig. Ratsuchend blickte sich Tara um. Die Matrone rechts neben ihr schlief. Mr. Men in Black malträtierte noch immer sein Laptop und war völlig abwesend. Tara wendete sich wieder dem Buch zu und verdrängte ihren Unmut. Paralysiert strich sie mit den Fingern über das geprägte Tribal auf dem Cover. Dieses wirkte, als sei es elektrisch aufgeladen. So was hatte sie noch niemals zuvor gesehen. Behutsam strich Tara darüber. Es kribbelte in ihren Fingerspitzen. Tara zuckte erschrocken zurück und warf einen schnellen Blick auf den MiB. Dieser schaute kurz auf und lächelte sie abwesend an. Er hatte nichts mitbekommen. Neugierig geworden, ließ Tara abermals ihren Zeigefinger über das Drachenauge in dem Viereck gleiten. Es brizzelte erneut, diesmal sogar noch stärker. Plötzlich tauchten Bilder vor ihrem inneren Auge auf: Ein magisches Tor inmitten einer urbanen Landschaft, die bloß aus Erde und Nebel zu bestehen schien und ein gigantisch großer Drache, der blitzschnell vorbeizog.

Irritiert schüttelte Tara ihre Gedanken wach.

Okee …! Was war das denn jetzt?

Die Antwort darauf musste jedoch warten. Der Captain des Flugzeugs vermeldete den beginnenden Anflug auf Vancouver. Seine Stimme aus dem Off riss Tara aus ihren Gedanken. Tara klappte das Buch einigermaßen vernehmlich zusammen und versuchte an dem MiB vorbei aus dem kleinen Fenster hinauszublicken. Der Januarhimmel war klar und freundlich. Sie hatte freien Blick auf die in der Sonne glänzenden Gebäude der Millionenmetropole und auf die Rocky Mountains.

Hallo neue Heimat, dachte Tara müde und gähnte.

Die zunehmende Unruhe im Inneren des Flugzeugs deutete auf die baldige Landung hin. Jetzt erwachte auch die Matrone, die umständlich versuchte, Cookie-Krümel von ihrer Blümchenbluse zu entfernen. Tara beobachtete die ansteigende Betriebsamkeit: Das Aufklappen der Tischchen, das Geradestellen der Sitze, das Öffnen und Schließen von Taschen und Gemurmel, das langsam anschwoll. Die Flugbegleiter nahmen ihre Plätze ein. Das Flugzeug setzte zur Landung an. In dem Moment, als die Rollen am Boden aufsetzten und die Schubkraft gedrosselt wurde, spürte Tara ihre Aufregung.    


Schnell schnappte sich Tara ihren Rucksack und folgte der Masse zum Ausgang. Das Zeremoniell der Einreise zog sich jedoch.

>>Why are you here? <<, fragte der Beamte streng, der ihren Pass checkte. Er wirkte, als würde er kein Spaß verstehen. Sein Blick war durchbohrend. Tara antwortete wahrheitsgemäß und das erstmals in englischer Sprache, jedoch nicht ohne sich selbst im Stillen noch einmal diese Frage zu stellen. Die Antwort aber blieb sie sich schuldig.  

Der Beamte nickte zufrieden, stempelte ihren Pass und Tara durfte weitergehen. Endlich lächelte er sogar mal. Tara atmete durch. Ihre Nervosität fiel ab, zumindest ein bisschen. Abermals folgte sie der Masse, dabei neugierige Blicke auf die indianischen Holzskulpturen werfend, die überall im Flughafengebäude verteilt waren. Am Gepäckband traf sie auf ihre Eltern. Gemeinsam verließ die Familie den Flughafen. Draußen war es kalt. Vor wenigen Tagen erst hatte es geschneit; für Vancouver eher untypisch. Tara wickelte sich in ihren Mantel und trottete hinter ihren Eltern aus dem Flughafengebäude. Ein Chauffeur, der sich als George vorstellte, würde sie zum neuen Zuhause in Vancouver Gastown bringen. George, groß und mit einem dunklen Anzug bekleidet, grüßte ein freundliches >>Hi there, how are you today<< und nahm das Gepäck entgegen. Max nahm vorne Platz. Er und George unterhielten sich während der Fahrt. Tara stieg zu Jussi und ihrer Mutter auf den Rücksitz. Gemächlich flossen sie mit dem Verkehr über eine breite Fahrbahn, kreuzten Stadtteile und streiften etliche Parkanlagen. Ein paar gräulich schimmernde Wolken zogen mit ihnen, als sie eine belebte Einkaufsmeile überquerten. Tara kam es so vor, als führen sie direkt auf die Rocky Mountains zu. Sie ließ ihren Blick über die Skyline schweifen. George erklärte indes höflich, wo sie sich gerade befanden. Sie hörte nur mit halbem Ohr hin.

Das also ist meine neue Heimat, dachte sie ein bisschen müde, ein bisschen mürrisch und ein bisschen neugierig.

Schließlich überquerten sie einen großen Fluss. Nur wenige Blocks davon entfernt bog die Limousine in eine kleine geschäftige Straße und hielt vor einem imposanten Backsteingebäude. Max war noch immer ins Gespräch mit George vertieft. Er wirkte zufrieden. Tara warf ihrer Mutter einen Seitenblick zu. Sie wirkte abwesend und sah sehr blass aus. Was hatte das zu bedeuten? Tara musste an das Foto denken. Ob sie an ihre Vergangenheit denkt. Warum erzählt sie nichts darüber? Was geht in ihr vor? Warum schweigt sie? Unmerklich schüttelte Tara ihren Kopf und schaute wieder zum Fenster heraus. Vielleicht sind‘s ja auch nur die Nachwirkungen des Jetlags.

George hievte das Gepäck aus dem Wagen. Tara folgte den anderen, vorbei an einem Coffee Shop mit breiter Glasfront. Die gepflasterte Straße war breit genug für flanierende Fußgänger und vorbeifahrende Autos. Tara warf einen Blick auf die Umgebung. Sie war zwar oft genug in Hamburg gewesen. Aber sie hatte immer nur am Meer gelebt, fernab vom city-traffic. Doch trotz der üblichen städtischen Geschäftigkeit wirkte das Treiben um sie herum gemächlich und angenehm belebt. Tara seufzte und betrat ihr neues Zuhause. Der Wohnungseingang lag neben dem Café. George führte sie in eine helle Wohnung. Sie war groß, modern eingerichtet und roch unbewohnt. Vom einem breiten Flur gingen die Räume ab.

>>Schaut mal, es gibt zwei gleich große Schlafzimmer mit kleinen Bädern.<<, rief Max fröhlich und grinste breit. Seine Frau nickte abwesend.

Tara betrat eines der beiden Zimmer. Ein großes Panorama-Fenster gab den Blick auf den Stadthafen frei. Das Bett war so aufgestellt, dass man nach draußen schauen konnte. Tara legte ihre Tasche auf einen Sessel und schaute aus dem Fenster. Immerhin … Auch Wasser! Willkommen zuhause, dachte sie seufzend und verbrachte den restlichen Tag allein in ihrem neuen Zimmer.


Am darauffolgenden Tag blieb Tara lange im Bett liegen. Doch irgendwann war er vorbei, der kurze Augenblick dazwischen; zwischen schlafen und wachen, kurz bevor man wieder ganz da ist und einen die Realität packt. Eigentlich wollte Tara gar nicht aufstehen. Und dennoch … Irgendwann musste man sich ja doch den Tatsachen stellen. Also zog sie sich Jeans, Boots und ihren Lieblingsmantel an und trottete los. Immerhin war sie es gewohnt, sich frei zu bewegen. Erstaunt stellte Tara fest, dass die Stadt dafür mehr als genügend Raum bot. Und Einiges, das man anschauen und erkunden konnte. Cafés, Restaurants und Boutiquen wechselten sich mit Second-Hand-Fashion und anderen Stores ab. Was sie sah, wirkte bunt, lebendig und irgendwie … total hipp. Am frühen Nachmittag entschied sich Tara daher, nun doch Max‘ Stadtplan mit den Insider-Tipps zu holen.

Dass etwas nicht stimmte, merkte Tara bereits, als sie den Schlüssel im Schloss umdrehte. Sofort schlug ihr eine eisbleiche Stimmung wie eine gefrorene Wand entgegen. Ebenso eisbleich war ihre Mutter, die in Schockstarre im Wohnzimmer verharrte. Tara hatte keine Ahnung, wie lange sie dort bereits wie angewurzelt gestanden hatte. Kreidebleich war sie. Sie sah aus, als wäre ihr das Blut zu Eis gefroren. Tara schob sich an Kartons und Taschen vorbei.

>>Ist alles Ok? <<, fragte sie ganz vorsichtig.

Stille.

>>Mama? <<

Stille.

Jussi war nicht zuhause. Vielleicht mit Max unterwegs?

>>Woher hast du das? << Sie fragte nicht anklagend. In ihrem Tonfall schwang eine changierende Mischung aus Schock, Entsetzen und Betroffenheit mit, als sie sich umdrehte und Tara die Ursache ihres Zustandes erkannte. Denn in den Händen hielt ihre Mutter das Buch und den Brief mit dem Foto. Nun, da ihre Mutter sie anschaute, sah Tara, dass sie ganz offensichtlich geweint hatte. Ihre Augen waren rot umrändert. Ihr Gesichtsausdruck ähnelte einem blutleeren Vampir kurz vor der Jagd, bleich und starr.

Tara zuckte erschrocken vor ihr zurück. >>Wieso wühlst du in meinen Sachen? <<

>>Ich habe nicht gewühlt, Tara<<, drang ihre nun härter werdende Stimme durch den Raum und blieb über ihnen wie ein Beil hängen. Die Atmosphäre wurde immer eisiger.

Blah, blah …! Tara fröstelte. Ärger stieg in ihr auf. Und Wut. Wut darüber, dass die Mutter einfach ungefragt in ihren Sachen geschnüffelt hatte. Typisch Erwachsene! >>Was sonst? Oder ist dir der Brief etwa von einer Taube aus meinem Zimmer heraus zugestellt worden? <<, blaffte Tara unbeherrscht zurück. Typisch Teenager! Gefühlskontrolle … war da eben nicht so angesagt.

>>Alles, was ich wollte, war, ein paar Sachen in dein Zimmer zu bringen, Tara. Ich wollte einfach nur die Handtücher in deinen Schrank legen. Und dabei ist das Buch runtergefallen. Und mit ihm das hier! <<, sie zeigte auf den Brief und das Foto.

>>Ja klar! Erzähl das deiner Großmutter! <<

>>Woher hast du das? <<, beharrte ihre Mutter unbeeindruckt von Taras Widerspenstigkeit.

>>Kann dir doch egal sein. Du redest ja eh nicht mit mir … über Dad <<, schrie Tara nun beinah, noch unbeherrschter als zuvor.

>>Tara, lass den Quatsch und antworte mir, sonst …<<

>>Was sonst? Hä? Was? << Tara riss ihre Hände in die Luft.

In diesem Augenblick ging die Haustür auf. Max kam mit Jussi auf dem Arm herein. Er lächelte, doch das Lächeln gefror ihm augenblicklich, als er Tara und seine Frau dort im Wohnzimmer stehen sah.

>>Was ist los? <<, fragte er, bemüht darum, die Stimmung allein schon um Jussis Willen etwas aufzulockern. Dieser blickte erschrocken zwischen Tara und seiner Mutter hin und her.

>>Das musst du sie fragen<<, Tara zeigte mit dem Finger ihrer rechten Hand wütend auf ihre Mutter. >>Mir sagt sie ja eh nichts<<

>>Tara, hör jetzt auf damit. Es gibt nichts zu sagen. Hörst du mich. Rein gar nichts. << Ihre Mutter wurde nun fast hysterisch. Sie war beinah ebenso in Rage wie ihre Tochter. Der drohende Unterton war unüberhörbar.

>>Sonya, was geht hier vor sich? << Max schaute erst seine Frau völlig irritiert an, dann Tara. Beide sahen aus, wie zwei kampfbereite Hyänen, die gleich aufeinander losgehen wollen. Oh man, dachte Max, das kann ja heiter werden.

>>Erst schnüffelt sie in meinen Sachen und dann will sie mir nicht sagen, was mit meinem Vater ist. Sie verschweigt mir irgendwas. Aber ich will es wissen. Ich bin schließlich auch seine Tochter, nicht nur ihre. Ich habe ein Recht darauf, zu erfahren, wer mein Vater war und was passiert ist<<, schrie Tara aufgebracht an Max gewandt. Sie fühlte sich wie eine Fremde.

>>Würdet ihr mir bitte endlich sagen, was hier los ist? << Max behielt Jussi auf dem Arm und hielt ihn ein wenig fester, da Jussi leise zu wimmern begonnen hatte.

>>Nichts! Es gibt nichts zu erzählen. Herr Gott noch mal, so glaubt es mir. Und wenn diese entsetzliche Fragerei nicht sofort aufhört, dann bringe ich dich, Tara, gleich morgen in ein Internat. Hast du mich verstanden? Mir reicht es. Was vergangen ist, ist vergangen und soll es bleiben. Ich werde nicht zulassen, noch dulden, dass in der Vergangenheit gewühlt wird. Ist das jetzt ein für alle Mal klar, Tara? <<, sie blickte Tara mit eiskalten Augen starr an. Selbst Max wagte nicht, sich zu rühren.

Tara musste schlucken. Ein dicker fetter Kloss saß ihr im Hals, der einfach nicht verschwinden wollte. Schon schossen ihr Wuttränen in die Augen. Ein ohnmächtiges Gefühl der Handlungsunfähigkeit bemächtigte sich ihrer. Ihre Mutter hatte die elterliche Macht und Herrschaft über das eigene Kind soeben vollkommen ausgenutzt. Tara blieb keine andere Wahl, als sich dem zu beugen. Wie ein geschlagener Knecht sackte sie in sich zusammen, als ihr das klar wurde.

An Max gewandt sprach Sonya ungewohnt scharf: >>Ich hoffe, ich habe mich klar ausgedrückt? Also komm bitte nicht auf die Idee, nachzufragen<<

Max schüttelte beinah unmerklich den Kopf, wollte sich dem Diktat nicht beugen. >>Sonya … ich verstehe das alles nicht! Tut mir leid. Tara, es tut mir …<<, weiter kam er nicht. Denn Tara, von neuer, verzweifelter Wut gepackt, rannte einfach raus, stieß den irritierten Max im Vorbeilaufen unwirsch an und schoss aus der Haustür raus. Diese fiel laut knallend ins Schloss.

>>Du kannst mich mal<<, hatte sie noch beim Rauslaufen zu ihrer Mutter gesagt. Schon war sie verschwunden. Warum hatte ihre Mutter nach dem Buch gesucht? Was hatte es damit auf sich? Wem gehörte es? So viele Fragen und niemand wollte ihr eine Antwort geben.

Sonya sackte in sich zusammen. Weinend kauerte die sonst so taffe Frau vor ihrem Mann auf dem Sofa. Auch sie hielt die Anspannung nicht mehr aus. Zu viele Jahre waren es. Und zu viele Geheimnisse. Es waren einfach zu viele.

Max setzte Jussi ab, um neben seine Trau zu treten. Tara vertraute er. Sie war stark und mutig, wie er fand. Seine Frau hingegen wirkte gerade jetzt labil und zerbrechlich auf ihn. Als erfahrener Arzt und liebender Mann, der er war, schloss er daraus, dass sie etwas sehr Schlimmes über eine sehr sehr lange Zeit bedrückt haben musste. Inständig hoffte er, sie würde sich ihm anvertrauen. Und damit Licht ins Dunkel bringen. Wozu denn sonst ging man eine Ehe in guten, wie in schlechten Zeiten ein.

>>Vielleicht erzählst du mir, was passiert ist<<, sprach er daher ganz sanft zu ihr und legte eine Hand behutsam auf ihre schmalen Schultern, die gerade jetzt noch schmaler wirkten.

Ja, vielleicht würde sie das tun. Was sonst müsste noch passieren, damit sie es endlich tat?  


Tara bahnte sich einen Weg durch die Water Street. Ein bunter Mix aus Touristen und Einheimischen zog sich zusammen mit ihr durch die Shoppingmeile. Tara lief an ihnen vorbei; an den Grüppchen, die dicht gedrängt in die Coffee Shops strömten oder vor den Läden stehenblieben, um einen Blick auf die coolen Styles zu werfen.

>>Sorry<<, murmelte Tara abwesend, wenn sie jemanden anrempelte.

Die Straße schien ganz offensichtlich beliebt zu sein.

Shit, was für ein Shit, dachte Tara verbohrt und ballte ihre Hände zu Fäusten. Ich hasse sie. Wütende Tränen liefen ihr über die Wangen. Sie versuchte sie wegzublinzeln. Sie … damit war ihre Mutter gemeint.

Ohne zu wissen, wohin, lief Tara weiter. Ihre Boots knallten gedämpft auf dem roten Backsteinpflaster. Schließlich verlangsamte sie ihr Tempo. Die Water Street war zu Ende. Tara befand sich auf einem großen Platz am Hafen. Autos und Busse zogen an ihr vorbei. Die Menschenmasse verteilte sich.

Und nun? Zurück nach Hause? Nein, dahin wollte sie auf gar keinen Fall. Ganz sicher nicht. Energisch schüttelte Tara ihren Kopf. Welches Zuhause? Alles um sie herum war fremd. Nein … sie war sich selbst fremd. Tara fröstelte. Ihr Körper zitterte. Es war eher innerlich. Wie um sich zu wärmen … oder zu trösten, schlang Tara ihre Arme um ihren Oberkörper. Sie fühlte sich fehl am Platz, einsam und … verloren. Ihre Welt stand Kopf. Es passte einfach nichts mehr zusammen, wie bei einem verworrenen Puzzle.

Einfach weitergehen. Den Kopf frei kriegen, sagte ihr eine innere Stimme, die ihr ebenso fremd vorkam, wie der Rest. Aber eine andere Wahl hatte sie ohnehin nicht.

Langsam etwas ruhiger werdend, nahm Tara die Seepromenade und lief am Wasser entlang. Die Umgebung zog in dichtem Nebel gehüllt an ihr vorbei. Der Himmel war grau, die Berge am gegenüberlegenden Ufer verhangen. Doch Tara nahm davon wenig Notiz. Sie lief, bis vor ihr ein Park auftauchte.

Oh man …!

Seufzend blieb sie stehen, atmete durch und sah sich um. Die Skyline von Downtown wurde zu einem kleinen Punkt in der Ferne. Allmählich verebbte auch der Stadtlärm zu einem Hintergrundrauschen.

Einfach weitergehen …, hörte sie noch einmal die innere Stimme sagen, als wäre es so einfach.

Noch immer unschlüssig darüber, wohin sie nun sollte, stiefelte Tara dennoch weiter auf der Seepromenade am Wasser entlang. Mit jedem Schritt wurde sie ruhiger. Zugleich stieg eine unbestimmte Vorahnung in ihr auf. Was war denn das für ein seltsames Gefühl? Ihre Kopfhaut kribbelte wie elektrisiert. Woher kannte sie dieses Gefühl? Wie von einer fremden Macht geführt, wurden ihre Schritte schneller. Fast fliegend eilte sie die Promenade entlang. Plötzlich blieb sie wie angewurzelt stehen.

>>Was ist das denn? << Ihre Stimme klang fremd in ihren Ohren. 

Sprachlos und überwältigt blieb Tara vor den Pfählen stehen, die aus Tiermotiven gearbeitet waren. Hauptsächlich Vögel. Farbenfroh, majestätisch und ehrfurchteinflößend bauten sie sich vor ihr auf.

Sind das Adler, überlegte Tara staunend. Nein…  Raben!

Wie paralysiert starrte Tara auf die Totempfähle, bis sie eine Bronze-Skulptur erspähte. Tara musterte die Skulptur neugierig. Sie bestand aus mehreren Teilen: drei indianische Figuren umgeben von drei Pfeil artigen mit Tribals gearbeiteten Stäben, die spitz am oberen Ende zusammenliefen. Ein Rabe aus Bronze thronte über den Figuren. Die Skulptur befand sich auf einem dicken Steinsockel, der von einem Mosaik-Muster umgeben war. Es war wellenartig und zog Tara magisch an. Vorsichtig berührte sie die dicken, fein gearbeiteten Seiten der Skulptur. Es brizzelte in ihren Fingerspitzen. Etwas in ihr regte sich.

Woher nur kannte sie dieses Gefühl?

Es war, als würde sich ihr gleich etwas präsentieren. Und schon tauchten Bilder vor ihrem inneren Auge auf. Wie ein Film liefen sie, von unsichtbarer Hand gedreht. Tara erschrak. Nicht lange, schon war die Vision vorbei.

Was passiert mit mir, dachte sie verwirrt. Ihr wurde schwindelig. Um sie herum begann es sich zu drehen. Das Kreiseln schien von dem Mosaik auszugehen. Immer schneller wirbelten die Wellen. Alles vermischte sich augenblicks: Das weiß-schwarz des Mosaiks mit der Farbe der Erde und dem Graublau des Himmels. Alles wurde zu einem einzigen Farbenbrei, in dessen wirbelndem Sog sich Tara befand. Das Drehen wollte einfach nicht mehr stoppen.

>>Was ist das? <<, rief sie laut, als sei jemand in der Nähe, der sie hören könnte. Doch sie war allein. Allein, bis auf einen einzelnen Raben, der über ihr flog.

War das etwa der bronzene Rabe? Wie war er lebendig geworden? Tara traute ihren Augen nicht. Konnte das sein?

Es wirkte, als wolle er ihr sagen: Folge mir. Einfach weitergehen.

>>Nein …! Nein, das kann nicht sein. Das ist doch völlig bescheuert<<, sprach sie an den bronzenen Raben gewandt, der seine Runden über ihr zog und forderte, dass sie sich endlich besann. Sein Rufen war zu hören. Oder war es doch etwas … oder jemand anderes, der nach ihr rief? Erneut zuckte Tara unwirsch zusammen. Was ruft nach mir, dachte sie. Plötzlich vernahm sie das Schlagen einer Trommel. Vielleicht war es ihr auch Herz, das aufgeregt schlug.

Bumm wumm wumm. Bumm wumm wumm.

Nichts gehorchte ihr mehr. Ihr Geist folgte bereits dem Raben und ihr Herz den ekstatischen Klängen der Trommel, die zu ihr drang.

Bumm wumm wumm. Bumm wumm wumm.

Ein elektrisierendes Vibrieren nahm ihren Körper voll und ganz in Beschlag. Tara konnte nicht anders, sie musste dem seltsamen Rufen folgen. War es der Rabe, der sie rief? Oder die Trommel? Oder doch jemand ganz anderes?

Immer tiefer drang sie in den Strudel hinein, der sie mit sich zog. Niemand war in ihrer Nähe. Dennoch hatte Tara das Gefühl, um sie herum seien 1.000 beobachtende Augen. Doch das alles spielte längst keine Rolle mehr. Das Mosaik drehte sich schneller, immer schneller und mit ihm auch die Skulptur.

Was immer es ist, dass mich da ruft, ich will es ergründen, dachte Tara entschlossen. Es war der einzige Gedanke, der ihr wieder und wieder ins Bewusstsein schoss.

Ja, schon möglich, dass der Wald Augen hatte. Immerhin waren die Totem Helfer und der Rabe ein Bote aus der anderen Welt. Eben jener anderen, schattenhaften Welt der Geister. Was Tara jedoch nicht wusste – woher auch? Jedenfalls hatte sie auch keine Ahnung davon, dass sie sich inmitten eines Energiekreises befand, der genau in diesem Augenblick ein Tor zu einer anderen Welt öffnete. Schon möglich also, dass sie bis eben noch in der Jetztwelt war und nun in der mittleren Welt weilte, die den Übergang zwischen Da und Dort markierte.

Plötzlich war alles ganz still. Die Trommel stoppte. Stoppte ebenso abrupt, wie sie begonnen hatte. Da sah Tara jemanden vor sich sitzen. In der Jetztwelt, dort vor der echten Skulptur, wäre der Achak nicht sichtbar gewesen. Doch in der Mitwelt, zwischen Da und Dort, wo sich Tara nun befand, konnte sie ihn ganz deutlich erkennen. Er saß auf dem Sockel wo zuvor noch die drei Bronzefiguren gestanden hatten. Doch die waren nicht mehr da.

>>Das ist nicht möglich<<, flüsterte sie verwirrt, als sie den Mann aus ihrem Traum erkannte. Langes schwarzes Haar hing ihm wie das ölig wirkende Federkleid eines Raben über den Rücken hinab. Die Trommel ruhte in seiner rechten Hand, in der Linken hielt er einen Knochenstab mit einem Totem darauf. Auf seinem Kopf thronte eine Rabenmaske, die Teile seines Gesichts umschloss. In eine schwarze Decke war er gehüllt. Ein wahrhaft mächtiger Medizinmann, ein Gestaltwandler, musste er sein. Doch auch davon hatte Tara ja überhaupt keine Ahnung. Schließlich war es der erste Geist in ihrem Leben, dem sie begegnete.

Schon stand der Achak auf und schaute ihr in die Augen. Ein durchdringender Blick aus dunklen Höhlen, der bis auf den Grund ihrer Seele drang. Tara erstarrte. Der Achak nickte. Was auch immer er in ihrem Herzen gesehen hatte, es würde sein Geheimnis bleiben. Dann hob er eine Hand. Mit dem Stab zeigte er auf ein rotierendes Tor, dass sich in unmittelbarer Nähe zu öffnen begann. Die Umgebung war ohnehin längst verschwunden, wie verschluckt und nie da gewesen. Kein Wort sprach der Achak, als Tara wie automatisiert dem Rufen folgte, dass aus dem Tor zu ihr drang. Vielleicht war es ihr Vater, der sie zu sich in die unteren Welten rief. Jene Welten, deren unsichtbares Strömen so nah zur Jetztwelt lag. Aber eben nicht für jedermann sichtbar war! Genauso wenig wie das Mädchen, das nun aus der Jetztwelt verschwand – ohne, dass irgendjemand Notiz davon nahm.

>>Ich komme<<, sprach sie dem Rufen entgegen. >>Ich komme<<. Dann trat sie in das Tor hinein und ein Ziehen und Drehen begann, das einer wilden Achtbahnfahrt gleichkam. Es blitzte und zuckte um sie herum. Tara raste auf einen nachtschwarzen Tunnel zu. Weiter und weiter. Gefühlt hinab, Alice im Wunderland gleich. Irgendwo an einem nicht definierbaren Ende des Tunnels sah sie ein Licht, auf das sie gefühlt, gewaltig schnell zuraste. Viel zu schnell, wie sie fand.

>>Gosh<<, dachte sie noch. Dann war sie plötzlich vorbei, die Fahrt auf der Achterbahn. Die Zeit schien für einen Moment still zu stehen, und der Raum sich aufzulösen.  >>Wo bin ich<<, fragte sie, als die blitzende Achterbahnfahrt abrupt endete. Wie angewurzelt blieb sie dort liegen, wo sie ausgespuckt worden war und lauschte, was um sie herum geschah.

Bald schon sollte sie eine Antwort auf ihre Frage erhalten.

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